Freitag, 28. Januar 2011

Mittwoch, ‎5. ‎Januar ‎1983

Heute beginnt mein neues Leben. Ich tippe es auf meiner alten Schreibmaschine, auf der das „L“ ziemlich klemmt, sodass ich jedes Mal, sobald ich ein Wort mit "L" tippe, wütend werde, weil diese blöde Taste klemmt.

Donnerstag, 27. Januar 1983

Heute habe ich gemerkt, dass sich nicht sehr viel geändert hat. Ich habe ein neues Lied entdeckt, das mir ziemlich gut gefällt und so klingt, wie es sich in mir anfühlt. Es ist sehr gedämpft, ruhig und ein bisschen traurig. Und ein neues Buch lese ich auch, es hat zwar über 1000 Seiten, aber es ist so schön, dass man das vergisst. Ich zumindest. Ich habe Angst davor, das Buch zu Ende zu lesen. Ich will nicht, dass die Geschichte aufhört.

Mittwoch, 2. Februar 1983

Ich war spazieren, aber es war sehr kalt. Meine Ohren haben sehr gefroren, weil meine Mütze zu klein ist. Dann bin ich schnell nach Hause und habe Tee getrunken. Und aus dem Fenster geschaut. Es war schön, den Schnee zu sehen. Und komisch, weil bald alles wieder grün ist.

Dienstag, 8. Februar 1983

Es regnet und ich sitze an meinem Küchentisch und esse ein Stück Brot mit Butter. Vor mir stehen eine Blumenvase ohne Blumen und ein Adventskranz. Vielleicht sollte ich ihn wegwerfen. Der Regen macht das Bild draußen ziemlich kaputt, weil er einfach auf den Schnee fällt. Das Bild ist grau und weiß.

Donnerstag, 17. Februar 1983

Das Bild ist jetzt nur noch grau, aber heute habe ich einen kleinen, grünen Fleck entdeckt: einen Frühblüher. Die Pflanze tat mir leid, weil sie bei so schlechtem Wetter draußen sein muss, aber ich dachte auch, dass sie trotzdem auch schön ist.

Samstag, 26. Februar 1983

Gestern musste ich einen langen Brief schreiben. Er wurde fast vier Seiten lang und ich musste feststellen, dass das „L“ immer noch klemmt. Anfangs wurde ich sehr wütend deswegen, später lachte ich darüber, weil es ja nur eine Taste an einer Maschine ist, die klemmt und nicht der Weltuntergang. Ich setzte mich dann in meinen Sessel und hörte eine alte Jazzplatte, die mir mein Vater vererbt hat. Sie war sehr schön und ein bisschen regnerisch.

Sonntag, 6. März 1983

Die Sonne hat heute ziemlich lange geschienen. Und Schnee liegt gar keiner mehr. Nur der Streusplitt überall erinnert mich noch an den Winter. Ich ging also spazieren, weil man sonntags meistens wenig zu tun hat. Ich begegnete vielen Menschen, die alle ziemlich glücklich aussahen. Nur ein kleines Mädchen stand weinend am Flussufer und schmiss Steine ins Wasser.

Sonntag, 23. Januar 2011

Die ganze Mannigfaltigkeit, der ganze Reiz und die ganze Schönheit des Lebens setzen sich aus Licht und Schatten zusammen.
Tolstoi

Donnerstag, 20. Januar 2011


"Als ich die Lust zur Sinnlichkeit entdeckte, habe ich an Gott zu glauben aufgehört. Denn er stahl mir die Erde."

Montag, 17. Januar 2011


Wenn uns also bewusst wird, wie klein wir sind, was machen wir dann damit?
Angst haben? Traurig sein? Glücklich sein?

Oder einfach weitermachen.

Sonntag, 16. Januar 2011























Das Theater ist mir, wie die Kunst überhaupt, lange als eine Biblia pauperum vorgekommen, als eine Bilderbibel für alle die, welche nichts Geschriebenes oder Gedrucktes lesen können, und der Bühnendichter als ein Laienprediger, der die Gedanken der Zeit in populärer Form so allgemeinverständlich verbreitet, daß der Mittelstand, der hauptsächlich das Theater füllt, ohne viel Kopfzerbrechen begreifen kann, worum es geht. Das Theater ist daher immer eine Schule der Jugend, der Halbgebildeten und der Frauen gewesen, die noch die niedrigere Fähigkeit besitzen, sich selbst zu betrügen und sich betrügen zu lassen, das heißt, Illusionen anzunehmen und sich der Suggestion des Autors zu beugen.
vorwort zu fräulein julie
august strindberg
"Das Unbewusste ist viel moralischer,
als das Bewusste wahrhaben will."

S. Freud

Freitag, 14. Januar 2011

Mittwoch, 12. Januar 2011


»Ihr nennt mich Menschenfeind, weil ich Gesellschaft meide, Ihr irret euch, ich liebe sie. Doch um die Menschen nicht zu hassen, muss ich den Umgang unterlassen.«
Zitat: Caspar David Friedrich
Collage: Leif Podhajsky

Dienstag, 11. Januar 2011

Wir hören uns an, was sie zu sagen haben und denken dann darüber nach.
Was sie sagen, sollte uns aufklären, uns bilden, doch es raubt den Sinn.
Wir schauen uns an, wie es ist und sehen, wie es nicht sein sollte.
Zum Glück riechen wir es noch nicht.



bäume gibt es außerdem, deren runzlige rinde ich kenne, und wasser, dessen geschmack ich koste. dieser grassduft und sternenschein, die nacht, abende, an denen das herz weit wird-wie könnte ich die welt leugnen, deren macht und stärke ich erfahre? trotzdem gibt mir alles wissen über diese erde nichts, was mir die sicherheit gäbe, dass diese welt mir gehört. man kann sie mir beschreiben, und man kann mich lehren sie zu klassifizieren. man kann ihre gesetze aufzählen, und in meinem wissensdurst halte ich sie für wahr. man kann ihren mechanismus auseinandernehmen, und meine hoffnung wächst. zuallerletzt lehrt man mich, dieses zauberhafte und farbenprächtige universum lasse sich auf das atom zurückführen und das atom wieder auf das elektron. das ist alles sehr schön, und ich warte, wie es weitergehen soll. da erzählt man mir aber von einem unsichtbaren planetensystem, in dem die elektronen um einen kern kreisen. man erklärt mir die welt mit einem bild. jetzt merke ich, dass wir bei der poesie gelandet sind:nie werde ich wirklich etwas wissen. habe ich etwa zeit, darüber entrüstet zu sein? man ist schon wieder bei einer anderen theorie. so läuft diese wissenschaft, die mich alles lehren sollte, schließlich auf eine hypothese hinaus, die klarheit taucht in einer metapher unter, die ungewißheit stellt sich als ein kunstwerk heraus. hatte ich so viele anstrengungen nötig? die sanften linien dieser hügel und die hand des abends auf meinem erregten herzen lehren mich viel mehr. ich bin wieder beim ausgangspunkt angelangt. ich begreife: wenn ich die erscheinungen wissenschaftlich fassen und aufzählen kann, dann kann ich damit noch nicht die welt einfangen. wenn ich ihre ganze oberfläche mit dem finger abtaste, wüßte ich auch nicht mehr von ihr. und da soll ich wählen zwischen einer beschreibung, die sicher ist, mich aber nichts lehrt, und hypothesen, die mich angeblich etwas lehren, aber keineswegs sicher sind. mir selber fremd und dieser welt, ausgerüstet mit keinem anderen hilfsmittel als mit einem denken, dass sich selbst negiert, sobald es eine behauptung aufstellt- was ist das für eine situation, in der ich nur frieden finden kann durch die ablehnung des wissens und des lebens, in der die eroberungslust an mauern stößt, die diesen begriffen trotzen? wollen heißt widersprüche wecken. alles ist auf das zustandekommen jenes vergifteten friedens eingerichtet, den sorglosigkeit, trägheit des herzens oder tödliche entsagung schenken.

der mythos von sisyphos
albert camus

Mittwoch, 5. Januar 2011

Säugling in Koffer ausgesetzt

Ich schlag die Zeitung auf und lese, was ich gar nicht lesen will.
Lesen ist ja eigentlich auch viel zu anstrengend.
Also lass ich es sein und schau mir nur die Bilder an.
Wie schön.
Und dann ein Koffer, der einen Säugling enthält.

Dienstag, 4. Januar 2011


Wird's besser? Wird’s schlimmer? fragt man alljährlich.
Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich!

Erich Kästner