Montag, 10. Dezember 2012



Unglaublich? Meiner Meinung nach ist das überhaupt nicht un-glaub-lich. Tick. Unglaublich ist eher, dass 20 Jahre 10 518 975 Minuten oder 631 tack 138 519 Sekunden sind. Tick. Und wie all die vergangenen 20 Jahre tack sitzen auch dieses Mal wieder erwartungsschwangere Autoren hier und lesen tick ihre kreativen Ergüsse vor. Manchmal ist es spannend, oft tack langweilig, immer 15 Minuten lang. Tick. Dieser Job ist vom Ding her okay. Tack. Ich bin der Behälter der Ereignisse, stehe auf Zahlen und muss zählen. 1, 2, 3.
Außerdem erweitere ich so meinen poetischen, lyrischen tick und prosaischen Horizont. Aber alleine könnte ich das tack nicht managen, dazu habe ich drei dünne Angestellte, tick die immer pünktlich sind, gewissenhaft arbeiten und nie in den Urlaub fahren. tack Herr Stunde, Herr Minute, Herr Sekunde.

Freitag, 23. November 2012



                                                           

 1.
„Das will doch keiner.“, steht auf dem Schild gegenüber von mir. Darauf abgebildet sind kleine Männchen, die zeigen sollen, was doch wirklich keiner will. Was das Männchen nicht anzeigt: störende Gespräche, beißende Gerüche, kaputte Klimaanlagen, hässliche Landschaften.                        Das will doch eigentlich auch keiner. Aber vielleicht will Jeder Mal die Füße hochlegen.                                                                                                                                              „Also es gibt so unterschiedliche Menschen.“, sagt die Frau neben mir. Dann eine Lautsprecherstimme: „Wir begrüßen Sie in der S4 nach Hannover.“ Will ich doch gar nicht hören. Mir ist viel zu warm, ich habe zwei Jacken an. Kein Schaffner bisher. Das will doch auch keiner. 4 Minuten.

2.
Es fühlt sich an wie Knetmasse. Allerdings scheint ein 10-Cent-Stück darin zu stecken. Ich sehe es nicht an, denn das wurde mir untersagt. Deshalb drehe und wende ich es in meiner linken Hand und weiß doch nicht, was es sein könnte. Vielleicht ist das auch gar nicht wichtig, weil ich, während ich erfühlen will, was es ist, in einem Bus sitze. Dieser Bus fährt durch ein Dorf oder eine Stadt, die ich überhaupt nicht kenne. Immerhin hab ich noch die Knetmasse mit dem 10-Cent-Stück in der Hand. Jetzt sagt eine Stimme: Wunstorf, Alter Stadtbahnhof. Der Busfahrer fährt weder besonders sanft, noch besonders ruckartig. Die Automatikschaltung nervt nur ziemlich. Naja, davon bekommt das Ding in meiner Hand sowieso nichts mit, Senator-Kraft-Straße. Wer ist das denn. Keine Ahnung. 6 Minuten sind gar nicht so lang. Noch 10 Sekunden. 5. Was noch? Stopp.

3.
Auf einem Gehweg sitzend, irgendwo, wo ich noch nie war und nie wieder sein werde, höre ich Blätter rauschen und einen Dieselmotor. Dann das Klacken von High-Heels, Schlüsselgeklimper, Schlüssel-ins-Schloss-stecken, Motor-starten, los-fahren. Eine Frau mit einem kleinen grauen Hund läuft vorbei. Wieder ein Auto. Dann ein alter Mann mit weiß-hellbraun-geflecktem Hund. Wieder Wind und Vogelzwitschern. Eine Kupplung. Grauer Himmel, Blatt auf der Straße. Wieder ein Auto, diesmal ein Benzinmotor; zwei Frauen auf Fahrrädern. Bin ich nah am Meer oder unendlich weit davon entfernt? Die Häuser alle rote Klinkerbauten. Eine melancholischere, ruhigere Stimmung als die Großstadtlebendigkeit. Die Straße ist grau-schwarz, die meisten Autos grau. Mein Hintern

4.
Die Frau ist zwischen 65 und 80 und zieht den linken Fuß leicht nach. Ich laufe ihr hinterher und muss mich zwingen, sehr langsam zu gehen. Sie bemerkt mich nicht. Immer wenn wir an eine Kreuzung kommen, wird ihr Gang unsicher und suchend. Sie wankt und rettet sich zur nächsten Straßenseite. Genauso ist es auch, wenn der Weg leicht bergauf oder bergab geht. Ich stelle mir vor, wie ich einmal so unsicher gehen werde und bin dann ziemlich deprimiert. Dafür kann ich nichts, die Frau übrigens auch nicht. Sie ist eher 75 als 65. Wir laufen an einer Kirche vorbei. Ich versuche, das Kirchenportal zu öffnen, es ist abgeschlossen. Ich gehe zurück zu der alten Frau. Ich folge ihr seit 10 Minuten und wir sind vielleicht 300 Meter weit gelaufen. Wo will sie eigentlich hin? Die Häuser hier sind alle aus rotem Backstein oder aus Beton.
 
5.
Er sitzt auf einer grünen Parkbank und sieht Richtung Meer. Ich laufe auf ihn zu, stolpere fast über einen Laubhaufen und bleibe zwei Meter vor ihm stehen. Es windet ziemlich und meine Füße tun weh vom vielen Laufen. Er sitzt einfach nur da und schaut raus aufs Wasser. Ich friere. Ich beginne, mit meiner linken Schuhspitze das Laub umzuwühlen, es raschelt. Er rührt sich nicht. Ich bin nicht verlegen, auch nicht unsicher. Eigentlich muss ich aufs Klo. Was ist, sage ich, warum sagst du nichts. Er schweigt. Ich überlege, ob es besser wäre, zu gehen. Dann laufe ich los, um ein Klo zu suchen. Auf der Insel ist wenig los, es ist Herbst. Nur sehr viele kleine Kinder tollen herum und manche von ihnen lassen Drachen steigen. Die Eltern laufen mit und reden. Meine Hände vergrabe ich tief in meinen Manteltaschen; ich hätte mir dickere Socken anziehen sollen. Ich will nicht mehr zurück zu der grünen Parkbank, auf der er saß. Er sitzt noch genauso da, wie er saß, als ich ging. Diesmal setze ich mich neben ihn und sage: Das Meer ist ein See. Natürlich schwimmen Fische darin, aber man kann darauf nicht zu einem anderen Kontinent fahren. Er antwortet nicht. Ich rücke näher und sehe, dass er immer noch seine schwarzen Lederstiefel trägt. Ich habe ihn noch nie mit anderen Schuhen gesehen.

Donnerstag, 22. November 2012



Das Ende war Shit. Nichtsdestotrotz oder irgendein anderes Wort wie dieses oder jenes schwirrt dann rum aber wird nicht eindeutig, also nicht weiter beachtenswert.
Wo wir sind, was wir tun, alles Oberfläche und wir sehnen uns trotzdem nach Pathos, Ethos und dem ganzen Scheiss, leider wissen wir/glauben wir und sind davon überzeugt, dass das nicht unser Weg ist, sondern der Weg, der von den uns Vorangegangen benutzt wurde, ist.
Also wissen wir eigentlich gar nichts, überhaupt nichts und wollen aufschreiben, was wir denken, das aber ist nicht möglich, weil zu viel möglich ist – so viel wie nie.
Was wir tun, ist: Wir trinken Bier, Gin-Tonic, Vodka-Mitwasweißich, nur um betrunken zu sein. Weil betrunken  zu sein ist gut, ist cool, ist irgendwie erweiternd--…
Wenn das verfickte Technominimalscheisslied zu Ende ist, will ich irgendwas Romantisches hören. Irgendwas, was mir das ozeanische Gefühl bereitet, scheiss auf was wir glauben.
Dann werd ich natürlich gleich abgestempelt, who does give a fuck. Moi non plus. God knows. God can fuck himself.
Ich weine dann ziemlich heftig, weil das Lied meine Seele streichelt. Danach hass‘ ich mich natürlich selbst total, weil der Satz das ist, was wir nicht sein wollen.
That’s what makes us human. Wir sind ja nichts – saufen!!! Wir sind alles, die anderen sind nichts, um uns dreht sich the fuckin‘ Earth, my dear.
I’ll be cold like… was ever. Like you. Ich will dich ja nur küssen und dann mit dir einschlafen, aber von uns wird mehr erwartet.

Freitag, 15. Juni 2012


Eigentlich lese ich gerade Zeitung, aber ich kann mich nicht konzentrieren. Draußen ist es nämlich schon dunkel, also man sieht die Wolken noch, aber es ist schon spät, und deshalb fährt, wie jeden Abend, dieses kleine Straßenputzerfahrzeug vor meinem Fenster auf und ab und fegt die Straßen. Das Geräusch seiner Bürsten ist mir mittlerweile so vertraut wie die aufheulenden Motoren der jungen Männer, die sich nachts Autorennen, ebenfalls vor meinem Fenster, liefern. Also, der eine putzt, die anderen rasen und ich will ja eigentlich schlafen. 
Ruhe.
Leider klappt das nicht so richtig, ich denke immer öfter daran, umzuziehen, aber das würde wieder Unmengen an Energie  kosten und die hab ich gerade nicht. Weil ich ja gestört werde. „Es könnte so schön sein.“
Ja. 
Ja-
Naja, immerhin ist der Gehweg morgens sauber. Zumindest von Laub und was eben so rumfliegt befreit. Die schwarzen Kaugummiflecken gehen ja nicht so einfach raus, die bleiben.

Montag, 21. Mai 2012


Sie steigt aus der Dusche wie eine Frau, die die Impressionisten vergöttert hätten. So natürlich und rein, dass es unecht wirkt.

Sie dreht sich um und schwebt auf mich zu. Ich träume nicht, wir küssen uns. Das ist alles. Mehr will ich nicht. Nie wieder.

Sie weiß, und ich weiß, dass diese Tage in diesem viel zu teuren Hotelzimmer in dieser viel zu schönen Hafenstadt, uns für immer gehören werden.

Auf dem frisch gemachten Bett liegen wir und sehen zum Fenster hinaus und sehen die kleinen Fischerboote in den Hafen einlaufen. Sie nimmt ihr Glas  Rotwein und wird wieder zum Gemälde.
Ich muss sie malen, aber ich kann nicht.

Wir ziehen uns an und laufen durch die fremde Stadt. Die Sprache verstehen wir nicht, aber jeder versteht uns. Wir sind eindeutig und laufen zum Hafen. Dort setzen wir uns auf die Kaimauer, Möwen hört man nur aus der Ferne.

Ich sage ihr, dass ich sie liebe. Sie erwidert, sie mich auch. Wir wissen, dass es nicht stimmt und doch wahr ist.

Sie bleibt ein Gemälde, eine Impression – Meine Liebe.

Sonntag, 13. Mai 2012








Lilitschka!
Tabakdunst hat die Stube durchräuchert;
Sie wimmelt -
Höllenpfuhl, Leibergemische.
Hier hab ich, du weißt noch,
deine Hände gestreichelt,
besessen-verzückt,
in der Fensternische.
Heute lehnst du kalt,
dein Herz hart gewappnet,
und morgen vielleicht schon
zischt du:
“verschwinde!”.
Im trüben Vorzimmer müh ich mich tappend,
daß zitternd die Hand in den Rockärmel finde.
Da renn ich raus,
werf den Leib in die Gassen,
toll
vor Verzweiflung,
zerschunden und hohl.
Laß,
Liebste, Beste,
du sollst mich lassen,
sag mir lieber gleich Lebewohl.
Einerlei,
meine Sehnsucht
hängt an dir wie Blei, -
wohin du auch fliehst,
du mußt sie tragen.
So brüll ich mich frei
mit letztem Schrei
von der Marterpein bitterster Klagen.
Ein Stier,
zerquält unter Mühsal und Lasten,
sucht schnaufend die Niedrung,
ein Gewässer, ein kühles.
Wo winkt mir ein Seeufer,
um dran zu rasten?
Bittere Ungnade
deines Gefühles!
Ruhe wünscht der müde Elefant,
macht sichs im Glühsand
fürstlich bequem;
nur deine Liebe
ist mir Sonne und Sand,
doch ich ahne nicht,
wo du weilst und mit wem.
Wolltest du einen Dichter
derart foltern, -
hinwürf er für Geld und Ruhm
seine Schöne.
Mir klingt
das Tönen der Welt wie Poltern;
ich möchte,
daß nichts als dein Name ertöne.
Kein Fenstersprung lockt mich,
keine ätzende Lauge,
nein, kein Pistolenlauf kühlt meine Schläfe.
Kein Blitz einer Klinge,
es wäre denn dein Auge,
hätt Macht über mich,
wenn er schneidend mich träfe.
Daß ich dich gekrönt,
wird mir morgen entfallen:
daß zehrend ich dein Blühn vergöttert.
Ein alberener Wirbel von Karnevalen
hat zausend meine Bücher entlättert…
Geböte das dürre Laub meiner Worte
noch Einhalt
dem Ungestüm schreitenden Schuhs?
Drum trete zum Abschied
auf meine verdorrte
Zärtlichkeit
dein enteilender Fuß.

lilitschka
vladimir majakowski

Freitag, 27. April 2012

Das Hotelzimmer ist so anonym wie seine Schuhe. Beim Betrachten der Hochhäuser, die vom Fenster aus zu sehen sind, überkommt ihn ein Gefühl des Erschlagen-Werdens. Er legt sich dann auf das gemachte Bett und starrt zunächst die Decke an, später schließt er die Augen ganz.

So etwas wie sein Gewissen beginnt in ihm zu wühlen und lässt nichts unangetastet. 

Vielmehr laufen die Bilder auf und ab und er weiß, dass es nur Erinnerungen an die Erinnerung sind und atmet.
Aber nicht auf, nur weiter. 
Eine Ende wird auch die Nacht nicht bringen, selbst wenn er nun die kleine Kühlschranktür der Minibar aufreißt und diese zur Hälfte leert. Er selbst ist ganz leer. 

Aber dafür muss niemand bezahlen.