Mittwoch, 23. Februar 2011


Ich springe über meinen Schatten. Ich springe einfach über ihn hinweg. Und dann bleibt er da liegen, alleine in der Sonne. Ich beginne wegzurennen und höre erst auf, als mein T-Shirt durchnässt ist. Ich schau' mich um, schau' sogar nach oben, aber nirgends ist mein Schatten zu sehen. Ich hab es geschafft. Ich geh langsam weiter und schau' den Menschen, denen ich begegne, direkt in die Augen. Keinem scheint aufzufallen, dass ich keinen Schatten mehr habe. Nur ich bin ganz sicher, dass ich mich endlich von ihm getrennt habe. Und so ruhig, wie ich jetzt bin, war ich seit einer Ewigkeit nicht mehr.

Vielleicht ist mein Schatten auch nur weg, weil die Sonne so hell ist. Ich nehme meine Sonnbrillen ab und dreh mich einmal um mich selbst, und kann nichts entdecken. Mich zieht es dann in den Wald hinein. Ich beginne wieder zu rennen, nicht, weil ich vor irgendetwas fliehe oder weil ich Angst habe, nur, weil ich rennen will. Ich renne in den Wald hinein und sehe ein Eichhörnchen neben dem Weg, es läuft in meine Richtung, bleibt aber abrupt stehen. Ich renne weiter.

Als ich den Wald wieder verlasse, ist es dunkel geworden. Der Mond ist nur ein Stück Wassermelone und die Schatten trauen sich nicht. Ich sehe die Stadt vor mir liegen, unendlich in ihren Ausmaßen und ihrem Lichtermeer. Ich schalte jedes Licht einzeln aus und bin dann wieder ruhig. Jetzt ist alles dunkel.

Sonntag, 6. Februar 2011


Bin dann ICE gefahren und hatte einen Platz in einem kleinen Abteil. Hörte dann einem jungen Mann zu, der mit einer älteren, betuchten Dame mit roten Gummistiefeln über seine Arbeit bei REWE, geredet hat. Seine Freundin sagte immer Ja, wenn es gerade passte und nickte dazu, aber nicht sehr energisch. Sie war eher ruhig. Aber er hatte einen kleinen Pferdeschwanz und beige Schuhe und redete dann von seinem Viertel, in dem er wohnt und was da für schlimme Dinge passsieren. Er selbst ist integriert und kann jetzt also über die richten, die das nicht wollen oder können. Irgendwann redet er dann mit der Dame darüber, dass Sexualstraftäter nicht heilbar sind und seine Freundin fragt, wie lange lebenslänglich ist. Sie kommen dann auf 25 Jahre und danach auf die Todesstrafe. Ja, das müsse man sagen, das ist das einzige, was helfen könnte. Ich verlasse dann das Abteil und laufe in Richtung Zugtür, seh dann aber einen nicht allzu großen, jungen Mann mit rotem T-shirt und schwarzer ADIDAS-Trainingshose alleine in einem Abteil sitzen. Er blickt gebannt auf sein I-pad und trägt I-pod-Kopfhörer. Und einen Bauch hat er auch. Und nicht so viele Haare. Ich will dann eigentlich nichts mehr sehen oder hören. Ich will einfach nur aussteigen.


der bus hielt an der ecke der rue damrémont, und francoise stieg aus; die straßen von montmartre lagen in weißem schweigen da; von soviel freiheit überwältigt wußte francoise nicht, wohin; sie konnte nach jeder beliebigen seite gehen und hatte doch keine lust, überhaupt zu gehen. mechanisch lenkte sie ihre schritte zur "butte"; der schnee bildete unter den füßen zunächst einen leichten widerstand, dann gab er mit seidengleichem zerreißen nach; man fühlte sich unangenehm enttäuscht, wenn man das hindernis schon weichen fühlte, bevor man sich noch darum bemühte. der schnee, die cafés, die treppen, die häuser... was geht mich das alles an? dachte francoise mit einem gefühl von dumpfer, dunkler leere; sie war von einer so tödlichen unlust heimgesucht, daß ihr schritt fast stockte. was bedeuteten denn für sie all diese fremden dinge? sie waren in einer gewissen entfernung aufgebaut, hatten so gar nichts mit jener schwindelnden leere zu tun, in deren sog sie wie in einen mahlstrom geraten war. in einer spirale ging es immer tiefer hinunter, es schien so, als würde sie schließlich unten irgend etwas finden müssen: ruhe, verzweiflung, auf alle fälle etwas entscheidendes; aber stets blieb sie auf gleicher höhe, immer am rande des nichts. francoise schaute hilfesuchend um sich, als sei sie in einer not; nein niemand konnte ihr helfen. in sich selbst hätte sie eine wallung von stolz, von mitleid mit ihrem leiden, von weichheit finden müssen. die schläfen, der rücken taten ihr weh; doch selbst dieser schmerz  kam ihr fremd vor. es hätte jemand da sein müssen, der sagte: ich bin müde, ich bin unglücklich, dann hätte dieser unklar umrissene, schwächliche augenblick seinen platz im leben mit würde einnehmen können. aber niemand war da.

sie kam und blieb
simone de beauvoir