Freitag, 23. November 2012



                                                           

 1.
„Das will doch keiner.“, steht auf dem Schild gegenüber von mir. Darauf abgebildet sind kleine Männchen, die zeigen sollen, was doch wirklich keiner will. Was das Männchen nicht anzeigt: störende Gespräche, beißende Gerüche, kaputte Klimaanlagen, hässliche Landschaften.                        Das will doch eigentlich auch keiner. Aber vielleicht will Jeder Mal die Füße hochlegen.                                                                                                                                              „Also es gibt so unterschiedliche Menschen.“, sagt die Frau neben mir. Dann eine Lautsprecherstimme: „Wir begrüßen Sie in der S4 nach Hannover.“ Will ich doch gar nicht hören. Mir ist viel zu warm, ich habe zwei Jacken an. Kein Schaffner bisher. Das will doch auch keiner. 4 Minuten.

2.
Es fühlt sich an wie Knetmasse. Allerdings scheint ein 10-Cent-Stück darin zu stecken. Ich sehe es nicht an, denn das wurde mir untersagt. Deshalb drehe und wende ich es in meiner linken Hand und weiß doch nicht, was es sein könnte. Vielleicht ist das auch gar nicht wichtig, weil ich, während ich erfühlen will, was es ist, in einem Bus sitze. Dieser Bus fährt durch ein Dorf oder eine Stadt, die ich überhaupt nicht kenne. Immerhin hab ich noch die Knetmasse mit dem 10-Cent-Stück in der Hand. Jetzt sagt eine Stimme: Wunstorf, Alter Stadtbahnhof. Der Busfahrer fährt weder besonders sanft, noch besonders ruckartig. Die Automatikschaltung nervt nur ziemlich. Naja, davon bekommt das Ding in meiner Hand sowieso nichts mit, Senator-Kraft-Straße. Wer ist das denn. Keine Ahnung. 6 Minuten sind gar nicht so lang. Noch 10 Sekunden. 5. Was noch? Stopp.

3.
Auf einem Gehweg sitzend, irgendwo, wo ich noch nie war und nie wieder sein werde, höre ich Blätter rauschen und einen Dieselmotor. Dann das Klacken von High-Heels, Schlüsselgeklimper, Schlüssel-ins-Schloss-stecken, Motor-starten, los-fahren. Eine Frau mit einem kleinen grauen Hund läuft vorbei. Wieder ein Auto. Dann ein alter Mann mit weiß-hellbraun-geflecktem Hund. Wieder Wind und Vogelzwitschern. Eine Kupplung. Grauer Himmel, Blatt auf der Straße. Wieder ein Auto, diesmal ein Benzinmotor; zwei Frauen auf Fahrrädern. Bin ich nah am Meer oder unendlich weit davon entfernt? Die Häuser alle rote Klinkerbauten. Eine melancholischere, ruhigere Stimmung als die Großstadtlebendigkeit. Die Straße ist grau-schwarz, die meisten Autos grau. Mein Hintern

4.
Die Frau ist zwischen 65 und 80 und zieht den linken Fuß leicht nach. Ich laufe ihr hinterher und muss mich zwingen, sehr langsam zu gehen. Sie bemerkt mich nicht. Immer wenn wir an eine Kreuzung kommen, wird ihr Gang unsicher und suchend. Sie wankt und rettet sich zur nächsten Straßenseite. Genauso ist es auch, wenn der Weg leicht bergauf oder bergab geht. Ich stelle mir vor, wie ich einmal so unsicher gehen werde und bin dann ziemlich deprimiert. Dafür kann ich nichts, die Frau übrigens auch nicht. Sie ist eher 75 als 65. Wir laufen an einer Kirche vorbei. Ich versuche, das Kirchenportal zu öffnen, es ist abgeschlossen. Ich gehe zurück zu der alten Frau. Ich folge ihr seit 10 Minuten und wir sind vielleicht 300 Meter weit gelaufen. Wo will sie eigentlich hin? Die Häuser hier sind alle aus rotem Backstein oder aus Beton.
 
5.
Er sitzt auf einer grünen Parkbank und sieht Richtung Meer. Ich laufe auf ihn zu, stolpere fast über einen Laubhaufen und bleibe zwei Meter vor ihm stehen. Es windet ziemlich und meine Füße tun weh vom vielen Laufen. Er sitzt einfach nur da und schaut raus aufs Wasser. Ich friere. Ich beginne, mit meiner linken Schuhspitze das Laub umzuwühlen, es raschelt. Er rührt sich nicht. Ich bin nicht verlegen, auch nicht unsicher. Eigentlich muss ich aufs Klo. Was ist, sage ich, warum sagst du nichts. Er schweigt. Ich überlege, ob es besser wäre, zu gehen. Dann laufe ich los, um ein Klo zu suchen. Auf der Insel ist wenig los, es ist Herbst. Nur sehr viele kleine Kinder tollen herum und manche von ihnen lassen Drachen steigen. Die Eltern laufen mit und reden. Meine Hände vergrabe ich tief in meinen Manteltaschen; ich hätte mir dickere Socken anziehen sollen. Ich will nicht mehr zurück zu der grünen Parkbank, auf der er saß. Er sitzt noch genauso da, wie er saß, als ich ging. Diesmal setze ich mich neben ihn und sage: Das Meer ist ein See. Natürlich schwimmen Fische darin, aber man kann darauf nicht zu einem anderen Kontinent fahren. Er antwortet nicht. Ich rücke näher und sehe, dass er immer noch seine schwarzen Lederstiefel trägt. Ich habe ihn noch nie mit anderen Schuhen gesehen.

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