„Das will doch keiner.“, steht auf dem Schild gegenüber von
mir. Darauf abgebildet sind kleine Männchen, die zeigen sollen, was doch
wirklich keiner will. Was das Männchen nicht anzeigt: störende Gespräche,
beißende Gerüche, kaputte Klimaanlagen, hässliche Landschaften. Das will doch
eigentlich auch keiner. Aber vielleicht will Jeder Mal die Füße hochlegen. „Also es
gibt so unterschiedliche Menschen.“, sagt die Frau neben mir. Dann eine
Lautsprecherstimme: „Wir begrüßen Sie in der S4 nach Hannover.“ Will ich doch gar nicht hören. Mir ist viel zu warm, ich habe zwei
Jacken an. Kein Schaffner bisher. Das will doch auch keiner. 4 Minuten.
2.
Es fühlt sich an wie Knetmasse. Allerdings scheint ein
10-Cent-Stück darin zu stecken. Ich sehe es nicht an, denn das wurde mir
untersagt. Deshalb drehe und wende ich es in meiner linken Hand und weiß doch
nicht, was es sein könnte. Vielleicht ist das auch gar nicht wichtig, weil ich,
während ich erfühlen will, was es ist, in einem Bus sitze. Dieser Bus fährt
durch ein Dorf oder eine Stadt, die ich überhaupt nicht kenne. Immerhin hab ich
noch die Knetmasse mit dem 10-Cent-Stück in der Hand. Jetzt sagt eine Stimme:
Wunstorf, Alter Stadtbahnhof. Der Busfahrer fährt weder besonders sanft, noch
besonders ruckartig. Die Automatikschaltung nervt nur ziemlich. Naja, davon
bekommt das Ding in meiner Hand sowieso nichts mit, Senator-Kraft-Straße. Wer
ist das denn. Keine Ahnung. 6 Minuten sind gar nicht so lang. Noch 10 Sekunden.
5. Was noch? Stopp.
3.
Auf einem Gehweg sitzend, irgendwo, wo ich noch nie war und
nie wieder sein werde, höre ich Blätter rauschen und einen Dieselmotor. Dann
das Klacken von High-Heels, Schlüsselgeklimper, Schlüssel-ins-Schloss-stecken,
Motor-starten, los-fahren. Eine Frau mit einem kleinen grauen Hund läuft
vorbei. Wieder ein Auto. Dann ein alter Mann mit weiß-hellbraun-geflecktem
Hund. Wieder Wind und Vogelzwitschern. Eine Kupplung. Grauer Himmel, Blatt auf
der Straße. Wieder ein Auto, diesmal ein Benzinmotor; zwei Frauen auf
Fahrrädern. Bin ich nah am Meer oder unendlich weit davon entfernt? Die Häuser
alle rote Klinkerbauten. Eine melancholischere, ruhigere Stimmung als die
Großstadtlebendigkeit. Die Straße ist grau-schwarz, die meisten Autos grau.
Mein Hintern
4.
Die Frau ist zwischen 65 und 80 und zieht den linken Fuß
leicht nach. Ich laufe ihr hinterher und muss mich zwingen, sehr langsam zu
gehen. Sie bemerkt mich nicht. Immer wenn wir an eine Kreuzung kommen, wird ihr
Gang unsicher und suchend. Sie wankt und rettet sich zur nächsten Straßenseite.
Genauso ist es auch, wenn der Weg leicht bergauf oder bergab geht. Ich stelle
mir vor, wie ich einmal so unsicher gehen werde und bin dann ziemlich
deprimiert. Dafür kann ich nichts, die Frau übrigens auch nicht. Sie ist eher
75 als 65. Wir laufen an einer Kirche vorbei. Ich versuche, das Kirchenportal
zu öffnen, es ist abgeschlossen. Ich gehe zurück zu der alten Frau. Ich folge
ihr seit 10 Minuten und wir sind vielleicht 300 Meter weit gelaufen. Wo will
sie eigentlich hin? Die Häuser hier sind alle aus rotem Backstein oder aus
Beton.
5.
Er sitzt auf einer grünen Parkbank und sieht Richtung Meer.
Ich laufe auf ihn zu, stolpere fast über einen Laubhaufen und bleibe zwei Meter
vor ihm stehen. Es windet ziemlich und meine Füße tun weh vom vielen Laufen. Er
sitzt einfach nur da und schaut raus aufs Wasser. Ich friere. Ich beginne, mit meiner
linken Schuhspitze das Laub umzuwühlen, es raschelt. Er rührt sich nicht. Ich
bin nicht verlegen, auch nicht unsicher. Eigentlich muss ich aufs Klo. Was ist,
sage ich, warum sagst du nichts. Er schweigt. Ich überlege, ob es besser wäre,
zu gehen. Dann laufe ich los, um ein Klo zu suchen. Auf der Insel ist wenig
los, es ist Herbst. Nur sehr viele kleine Kinder tollen herum und manche von
ihnen lassen Drachen steigen. Die Eltern laufen mit und reden. Meine Hände
vergrabe ich tief in meinen Manteltaschen; ich hätte mir dickere Socken
anziehen sollen. Ich will nicht mehr zurück zu der grünen Parkbank, auf der er
saß. Er sitzt noch genauso da, wie er saß, als ich ging. Diesmal setze ich mich
neben ihn und sage: Das Meer ist ein See. Natürlich schwimmen Fische darin,
aber man kann darauf nicht zu einem anderen Kontinent fahren. Er antwortet
nicht. Ich rücke näher und sehe, dass er immer noch seine schwarzen
Lederstiefel trägt. Ich habe ihn noch nie mit anderen Schuhen gesehen.
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