Mittwoch, 8. Dezember 2010

Astronomen finden Glitzerstern

Ich frühstücke. Ich esse mittags und abends auch nochmal. Dann schlafe ich. Keine Enttäuschung, da keine Worte. Ich schweige, und höre ihr zu. Sie erzählt von ihren Begegnungen, die sie den Tag über machte. Von ihrem Zusammentreffen mit einer alten Frau, die auf einer Bank saß und mit niemandem geredet hat, dabei hat sie geredet, aber man sah eben ihr Gegenüber nicht. Und die alte Frau war sehr klein und bucklig und hatte ein ungefähr hundertjahre altes Kleid an. Die Farben waren schon seit fünfzig Jahren verblichen. Die Blumen verwelkt, und ihr Gesprächspartner einfach nicht mehr da.
Von ihrem Aufeinanderprallen mit zwei Behinderten, die im Bus saßen und vor sich hin grinsten, die aussahen, als freuten sie sich einzig über das Busfahren an sich. Als wären sie noch rein wie Kinder und könnten sich über solche Dinge freuen. Vielleicht waren sie aber auch unheimlich traurig, das konnte sie ja nicht sehen, sagte sie mir. Sie konnte ja nur ihre Gesichter sehen, ihr Lachen, ihre unkontrollierten Bewegungen, die Blicke der anderen, ihren eigenen, die Unfähigkeit, angemessen zu reagieren. Was ist schon angemessen, fragt sie mich. Ich kann ihr nicht helfen.
Von ihrem Zusammenstoß mit einem Bettler, der vor einem Geschäft auf einer Hundedecke saß und niemanden anschaute, er hatte nicht mal einen Behälter zum Geld sammeln aufgestellt. Sie glaubte, sagte sie, dass er nicht auf Geld aus gewesen sei. Sein Blick war dafür viel zu aufrecht. Er saß da auch noch, als es anfing zu regnen. Alle spannten ihre Regenschirme auf, sie zog ihre Kapuze an und der Bettler blieb genauso sitzen wie vor dem Regen.
Sie wusste nicht, ob sie ihn ansprechen sollte, und dann ließ sie es bleiben und sah wieder die Blicke der anderen, die nur flüchtig wie Treibholz in der Straße vorbeitrieben.
Von ihrer Begegnung im Supermarkt, als sie an der Kasse stand und ihre Waren auf das Band legte und die Kassiererin einen Kunden anschrie, weil dieser nicht aufhörte, die Kassiererin als unfähig und dumm zu bezeichnen, nur weil die Kasse seine Kreditkarte nicht annahm. Empörte Blicke richteten sich auf ihn, sagt sie, und er hörte einfach nicht auf und die Kassiererin auch nicht. Und dann wurden auch alle anderen wütend. Und sie wusste nicht, ob sie nun wütend oder traurig sein sollte.
Was soll ich sein, fragt sie mich.
Das kann ich dir nicht sagen, sage ich.
Was soll ich sein, außer ich selbst, fragt sie.
Ja, sage ich.
Nein, sagt sie.
Was soll ich sein, frage ich sie.
Du sollst meine Antwort sein.

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